Tekkon Kinkreet – Comicempfehlung von Flurin

1993 in Japan erschienen und 2008 mit dem Eisner-Award ausgezeichnet, nun endlich auf Deutsch, in einer schönen, über 600 Seiten starken, gebundenen Hardcover-Komplettausgabe mit Lesebändchen.

Tekkon Kinkreet von Taiyō Matsumoto ist eine für die 1990er-Jahre typische punkige Utopie ohne die strahlenden Superhelden heutiger Comics, dafür mit jeder Menge fantastisch-schräger Action, solidarischen Freundschaften, kauzigen Antihelden und rüpelhafter Herzlichkeit vor der Kulisse eines Großstadt-Molochs. Eine echte hard-boiled Geschichte abseits vom Manga-Mainstream.

Irgendwann in der nahen Zukunft.

Takara Town (dt. Schatzstadt) ist eine von vielen Mega-Städten, ein Moloch aus Stahlbeton, Glas und Plastik, in dem die Menschen ihr Leben mehr schlecht als recht fristen. Die meisten führen ein Dasein in Einsamkeit und Angst, denn Kriminalität und Korruption beherrschen die Stadt. Die Polizei hat es längst aufgegeben, etwas gegen die wachsende Macht der verschiedenen Gangster-Banden zu unternehmen, die Beamten machen lieber ihre Augen zu und pflegen ihre wachsenden Neurosen. In der Strassen der Stadt leben jede Menge Waisenkinder, die stehlen, betteln, kämpfen und ständig auf der Hut sein müssen, um zu überleben.

Auch „die Katzen“, zwei verwaiste Brüder Kuro (Schwarz) und Shiro (Weiss) gehören zu diesen. Die zwei Rotzlöffel sind weder auf den Mund gefallen, noch zart besaitet. Sie sind nicht nur übernatürlich stark und annähernd unverwundbar, sondern können augenscheinlich auch fliegen – oder jedenfalls sehr weit und hoch springen.

Trotz ihrer vergleichbaren physischen Fähigkeiten und Kräfte fällt jedoch schnell auf, dass beide vom Wesen kaum unterschiedlicher sein könnten. Kuro ist recht scharfsinnig, hartgesotten und zuweilen nihilistisch, während Shiro geistig nicht voll auf der Höhe scheint und oft einen konfusen Eindruck macht. Andererseits ist der naive und eingeschränkte Shiro teilweise auch recht philosophisch in seinen Aussagen, wenn er nicht gerade bloß aus Spaß irre Geräusche von sich gibt. Dessen ungeachtet kümmert sich Kuro um seinen Gefährten, während Shiro ihn davor bewahrt, zu verrohen und seine Menschlichkeit gänzlich abzulegen. Zwischen den beiden gewalttätigen Rotznasen herrscht eine Art symbiotische Beziehung.

Normalerweise nur auf den eigenen Vorteil bedacht, ist ihnen das Wohl der Stadt egal. Als aber eines Tages windige Geschäftsmänner auf den Plan treten, die ihre Schatzstadt in einen luxuriösen Entertainment-Park umwandeln wollen, gefällt ihnen das gar nicht und sie beschliessen, den Kampf aufzunehmen.

Sie wehren sich mit Verstand, List und fiesen Tricks gegen die Pläne der skrupellosen Gangster, die gemeinsame Sache mit der korrupten Polizei und den sadistischen Yakuzas machen und glauben, mit den Kindern leichtes Spiel zu haben.

Werden die Brüder in der Lage sein, sich gegen die „Feinde“ ihrer Stadt zu behaupten und ihr Zuhause zu retten?

Tekkon Kinkreet (kindliche, fehlerhafte Aussprache von „Tekkin Konkurito, dt. Stahlbeton) ist eine schräge Geschichte über umwälzende Veränderungen und Loyalität, über den Konflikt Alt gegen Neu. Das Prinzip des Dualismus, der Kampf und die Symbiose von Gegensätzen, das Zusammenspiel von schwarz und weiss (Yin + Yang) ist ein Hauptthema, das sich durch die ganze Story zieht.

Der extravagante Zeichenstil von Taiyou Matsumoto ist wohl eine der größten Stärken von Tekkonkinkreet.

Vielleicht mag er den typischen Mangaleser etwas abschrecken, wirkt aber dafür sicher auf Comic- und Graphic Novel-Fans umso attraktiver und kann hier im Abendland diese Zielgruppe ansprechen und ihr eine neue zeichnerische Welt eröffnen.

Die grobschlächtig wirkenden Bilder heben diesen Comic auf den ersten Blick aus der Mangamasse hervor. Im Vergleich zum gängigen Manga-Schöhnheitsideal wirkt er gewissermaßen „hässlich“ und unästhetisch. Extreme Perspektiven, missgestaltete Menschen, und eine dreckige Stadt, die keine geraden Linien kennt. Die Figuren werden nie von ihrer Schokoladenseite gezeigt. Gesichter und Staturen wirken oft unproportional und schief, wie auch Umgebung und Architektur; es gibt kein Panel, bei dem ein Lineal benutzt worden wäre. Durch diese zeichnerische Wildheit kommt aber auch eine besondere Art von Dynamik und Energie ins Spiel. Das und die wirre, anarchische Architektur unterstützen das Flair von Takara Town.

Wie auch immer: Der Zeichenstil sollte einen nicht davon abhalten, diese erwachsene Geschichte über Wandel, soziale Auflösung, Glaube, Liebe und abgebissene Ohrläppchen kennen zu lernen

 

Autor: Taiyō Matsumoto

Original Titel: Tekkonkinkreet

Verlag: Cross Cult / Manga Cult

Erscheinungsdatum: 11.04.2018 (Original 1993/1994)

Auszeichnungen: Eisner-Award 2008

Animé: Studio 4°C, 2006

Ausgabe: Master Edition (Gesamtausgabe), ~ 600 Seiten, gebunden, Hardcover, Lesebändchen

 

Eine Comicempfehlung von Flurin

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